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Bei Kanarienvögeln kommt zuerst das Spiel und dann die Arbeit
Ein Kanarienvogel kommt meistens alleine ins Haus. Schließlich soll er ja singen, der Girlitz von den Kanarischen Inseln. Er soll denen, die für sein Futter, sein Wasser, seinen Käfig sorgen, mit den schönsten Melodien, die die Vogelwelt kennt, danken. Und er tut es.
Neun Monaten im Jahr schmettert er unermüdlich seine Weisen, singt trällert, flötet, seufzt.
Seine Menschen sind glücklich, er so scheint es auch.
Bis er eines Tages, meist nach der Mauser, keinen Pieps mehr sagt. Ein
stummer Sänger, gesund, sogar munter, aber lied- und lautlos. Keine
Vitamine, kein Animieren, nichts bringt ihn wieder zum Singen. Die
Besitzer stehen vor einem Rätsel.
Des Rätsels Lösung ist sehr einfach: Dem Begabtesten Sänger der Welt
fehlt schlicht Arbeit. Ihm fehlt der Stress, der in der heilen
Kanarienwelt stets dem Vergnügen folgt.

Alle Kanarienlieder erklingen nämlich nur zu einem einzigen
Zweck: der Gründung einer Familie. Die zauberhaften Melodien sollen
ein Weibchen anlocken. Die Schmettergesänge sollen Rivalen aus den
Schallgrenzen fernhalten, durch Trällern und Flöten wird das Weibchen
zum Nestbau angeregt. Der Kanarienmann schaut seiner Auserwählten
zwar interessiert zu, wenn sie Halm für Halm auf einer geeigneten
Unterlage befestigt, aber er rührt keinen Fuß für den Bau der Kinder-
stube. Dafür unterhält er die Geliebte mit seinen Liedern. Erst wenn sie
das Nest sorgfältig mit Federn, Moos und weichen Gräsern
ausgepolstert hat, wenn die Eier im Nest liegen und die künftige Mutter
ihr Heim nicht mehr verlässt, beginnt beim Kanarienhahn die Arbeit.

Er, der in den letzten Wochen die zartesten Keimlinge und die saftig-
sten Blüten selbst vernascht hat, um Energie für neue Liebeshymmen
zu gewinnen, gibt nun alle Delikatessen seiner Frau. Von morgens bis
abends ist er unterwegs, um Leckerbissen zu finden. Seine Lieder
haben weniger Strophen, er hat ja nicht mehr so viel Zeit. Aber für ein
kleines Gezwitscher, das sein Weibchen ermuntern soll, reicht's immer
noch.
Sind dann erst die nackten kälteempfindlichen Jungen geschlüpft,
wächst das Arbeitspensum des Männchens noch mal gewaltig. Denn in
den ersten Tagen verlässt die Mutter ihre Küken nicht, damit sie nicht
unterkühlen. Jetzt schafft der Kammersänger die Nahrung herbei.
Erst wenn die rosa Winzlinge durch einen ersten Flaum vor der gröbsten Kälte
geschützt sind, hilft auch die Mutter zeitweilig beim Futter-
suchen mit.
Kanarienkinder wachsen so schnell, dass nach 14 Tagen das Nest aus allen Nähten platzt. Die dicksten Küken plumpsen schon heraus, wenn sie noch nicht flugfähig sind. Für die Mutter Grund genug, sich nicht mehr um sie zu kümmern. Das tut jetzt der Vater. Er stopft weitere Kraftnahrung in die kleinen Kolosse- bis sein Weib Anstalten macht, erneut zu legen, und er seine Zeit wieder ihr widmen muss. Das hastige Gesangsintermezzo, das er jetzt in den Pausen einlegt, hat andächtige Zuhörer: Die Jungmännchen trainieren eifrig fürs Spätere Leben: für den Müßiggang, der ihnen ohne kurze Arbeitsperioden keinen Spaß macht.
Darum, wenn eine Kanarie schon alleine kommt, muss der Gesangssaison ein Quäntchen Mühe folgen, sonst wird auch der genialste früher oder später schweigen. Der Hahn behauptet sein Revier durch Gesang und verteidigt es, wenn der Rivale das Singen "überhört". Kanarienweibchen kümmern sich nicht um die Gefechte der Hähne. Sie wählen anschließend den Gewinner als Gatten.
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